7 Deep Rest

Wie kann ich lernen, einfach da zu sein?Die Kunst, nicht jeden Moment nutzen zu müssen

Dipl. Hyp. D. Herrmann4 Min. Lesezeit

Wenn wir selbst freie Zeit mit Aufgaben füllen

Es gibt Menschen, die können stundenlang auf einer Bank sitzen und einfach die Umgebung betrachten. Andere überlegen bereits nach wenigen Minuten, ob sie ihre Zeit nicht sinnvoller nutzen könnten.

Vielleicht kennst du beide Seiten in dir.

Ein Teil freut sich auf einen freien Nachmittag. Endlich einmal nichts müssen. Ein anderer Teil erinnert sich daran, dass noch etwas erledigt werden könnte. Und ehe du dich versiehst, ist die freie Zeit wieder verplant.

Das ist erstaunlich. Schließlich haben wir uns die Pause doch selbst gewünscht.

Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach da zu sein?

Wir haben gelernt, unser Leben zu gestalten

Wir Menschen verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten. Wir können planen, aus Erfahrungen lernen, Ziele entwickeln und unser Verhalten verändern.

Diese Fähigkeiten helfen uns, ein Leben zu gestalten, das unseren Bedürfnissen und Werten entspricht.

Doch möglicherweise entsteht dabei auch eine Gewohnheit: Wir betrachten Situationen vor allem unter dem Gesichtspunkt, was wir aus ihnen machen können.

Eine freie Stunde wird zur Gelegenheit, etwas aufzuholen. Ein Spaziergang soll den Kopf freimachen. Eine Ruhepause soll neue Energie liefern.

Das kann sinnvoll sein. Aber was geschieht, wenn wir selbst dann nach einem Zweck suchen, wenn gerade keiner erforderlich wäre?

Vielleicht wird es schwierig, etwas einfach zu erleben, ohne es gleichzeitig zu bewerten.

Ist dieser Moment angenehm genug? Nutze ich meine Zeit sinnvoll? Sollte ich nicht lieber etwas anderes tun?

Dann sind wir zwar körperlich anwesend, aber innerlich bereits mit der Verbesserung des Augenblicks beschäftigt.

Einfach da sein bedeutet nicht, nichts mehr zu wollen

Vielleicht entsteht ein Missverständnis, wenn wir das einfache Dasein mit völliger Passivität verbinden.

Es geht nicht darum, keine Ziele mehr zu haben, Verantwortung abzugeben oder wichtige Entscheidungen zu vermeiden.

Wir dürfen weiterhin planen, gestalten und handeln. Es wäre wenig hilfreich, diese Fähigkeiten grundsätzlich infrage zu stellen.

Die interessante Frage lautet vielmehr: Müssen wir in jedem Moment etwas gestalten?

Vielleicht darf es Augenblicke geben, in denen wir nicht entscheiden müssen, wie sie besser werden könnten. Momente, in denen wir eine Erfahrung nicht sofort in einen Plan verwandeln.

Das ist kein Gegensatz zu einem aktiven Leben. Es könnte vielmehr eine Ergänzung sein.

Denn wer sich immer nur auf das konzentriert, was noch erreicht werden soll, bemerkt möglicherweise weniger von dem, was bereits da ist.

Auch die unruhige Seite darf mitkommen

Wenn wir versuchen, einfach da zu sein, kann es sein, dass zunächst Unruhe auftaucht.

Vielleicht meldet sich eine Seite, die etwas erledigen möchte. Eine andere fragt, ob diese Pause überhaupt sinnvoll ist. Und vielleicht entsteht der Wunsch, möglichst schnell in einen Zustand angenehmer Ruhe zu gelangen.

Wir könnten versuchen, diese inneren Bewegungen als Hindernisse zu betrachten. Dann hätten wir allerdings schon wieder eine Aufgabe: Wir müssten sie loswerden, bevor wir einfach da sein dürfen.

Vielleicht lässt sich ein anderer Weg entdecken.

Die beschäftigte Seite darf zunächst bemerkt werden. Ihr Wunsch, etwas zu erledigen, muss nicht lächerlich gemacht werden. Vielleicht hat sie gute Gründe, aufmerksam zu bleiben.

Doch sie muss auch nicht jeden Augenblick bestimmen.

Wir können anerkennen, dass eine Aufgabe wichtig ist, ohne sie sofort auszuführen. Wir können einen Gedanken wahrnehmen, ohne ihm vollständig zu folgen. Und wir können bemerken, dass wir unruhig sind, ohne daraus unmittelbar eine Veränderungsaufgabe zu machen.

Deep Rest: Einen Moment erleben, ohne ihn verbessern zu müssen

Deep Rest lädt dazu ein, bewusstes Ruhen kennenzulernen, ohne daraus eine weitere Leistung zu machen.

Das kann bedeuten, sich für eine Weile einer angeleiteten Ruhepraxis zuzuwenden und dabei zu entdecken, dass nicht jeder Gedanke beantwortet werden muss.

Vielleicht fällt es dir leicht. Vielleicht bemerkst du zunächst, wie ungewohnt es sich anfühlt, nichts erreichen zu müssen.

Beides ist in Ordnung. Es gibt keinen Grund, aus dem Ruhen eine Prüfung zu machen.

Der gegenwärtige Moment muss nicht besonders angenehm sein, um wahrgenommen werden zu dürfen. Und wir müssen nicht erst eine ideale innere Verfassung erreichen, bevor wir uns eine Pause erlauben können.

Eine kleine Möglichkeit für den Alltag

Vielleicht kannst du dir irgendwann am Tag einen kurzen Moment nehmen, in dem du nichts Bestimmtes vorhast.

Nicht, um deine Konzentration zu trainieren. Nicht, um danach produktiver zu sein. Und auch nicht, um herauszufinden, ob du inzwischen gut im Nichtstun geworden bist.

Sondern einfach, um einen Augenblick nicht mit einer Aufgabe zu füllen.

Wenn dabei Gedanken auftauchen, dürfen sie da sein. Wenn der Wunsch entsteht, etwas zu erledigen, kannst du ihn bemerken. Du musst nicht gegen dich selbst gewinnen.

Vielleicht gelingt es für wenige Sekunden. Vielleicht entsteht mit der Zeit mehr Vertrautheit mit solchen Momenten.

Einfach da zu sein bedeutet nicht, dass wir das Leben nicht mehr gestalten. Es bedeutet, dass wir uns gelegentlich erlauben, nicht ständig an ihm arbeiten zu müssen.

Und vielleicht entdecken wir dabei etwas, das im Alltag leicht verloren geht: Wir müssen nicht erst jemand anderes werden, bevor wir uns einen Moment des Ruhens erlauben dürfen.

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