Warum kann ich nicht abschalten?Wenn der Kopf Feierabend macht, aber das Leben weitergeht

Wenn die Ruhe einkehrt und die Gedanken erst richtig anfangen
Es gibt diese eigentümlichen Momente, in denen eigentlich alles für eine Pause vorbereitet ist. Der letzte Termin ist vorbei, die Küche ist aufgeräumt, das Telefon liegt irgendwo außer Reichweite. Vielleicht ist sogar der Tee schon fertig. Äußerlich wäre jetzt alles bereit für einen ruhigen Abend.
Und dann beginnt es.
Ein Gedanke erinnert an die unbeantwortete Nachricht. Ein anderer an das Gespräch von gestern, bei dem einem die passende Antwort natürlich erst Stunden später einfällt. Plötzlich taucht die Frage auf, was morgen alles erledigt werden muss. Und irgendwo dazwischen meldet sich die Erinnerung an etwas, das man längst vergessen glaubte.
Der Körper sitzt auf dem Sofa. Das innere Leben dagegen scheint noch eine Sonderschicht eingelegt zu haben.
Vielleicht kennst du das. Und vielleicht hast du dir schon öfter vorgenommen, endlich einmal richtig abzuschalten.
Nur lässt sich das Denken leider nicht immer so zuverlässig in den Feierabend schicken wie ein Computer.
Die innere Betriebsamkeit hat möglicherweise einen guten Grund
Wenn wir verstehen möchten, warum wir nicht abschalten können, lohnt sich ein kleiner Perspektivwechsel. Statt die Gedanken sofort als störend zu betrachten, könnten wir uns fragen, welche Funktion sie gerade erfüllen.
Vielleicht gibt es eine Seite in uns, die aufmerksam darüber wacht, dass nichts Wichtiges vergessen wird. Eine andere möchte unangenehme Situationen noch einmal durchdenken, um beim nächsten Mal besser vorbereitet zu sein. Und möglicherweise versucht eine weitere Seite, uns vor Überraschungen zu schützen, indem sie vorsorglich möglichst viele Eventualitäten durchspielt.
Diese inneren Bewegungen können durchaus nachvollziehbar sein. Sie entstehen nicht unbedingt, weil wir uns das Leben unnötig schwer machen möchten. Oft haben wir gelernt, dass Aufmerksamkeit, Vorausdenken und Kontrolle hilfreich sind.
Schwierig wird es, wenn diese Fähigkeiten keinen passenden Zeitpunkt mehr finden, um sich zurückzunehmen.
Dann sitzt die organisierende Seite noch am Schreibtisch, während die Seite, die sich nach Ruhe sehnt, längst auf dem Sofa wartet. Beide gehören zu uns. Beide haben ihre nachvollziehbaren Anliegen. Und beide scheinen gerade unterschiedliche Vorstellungen davon zu haben, was jetzt wichtig ist.
Müssen erst alle Gedanken verschwinden, bevor Ruhe möglich wird?
Vielleicht liegt eine besondere Schwierigkeit darin, dass wir Ruhe häufig an eine Bedingung knüpfen: Erst muss der Kopf still werden, dann darf ich mich entspannen.
Damit entsteht eine zusätzliche Aufgabe. Wir beobachten unsere Gedanken, prüfen, ob sie weniger werden, und ärgern uns womöglich darüber, dass sie immer noch da sind. Die Aufmerksamkeit bleibt also ausgerechnet bei dem, wovon wir uns eigentlich lösen möchten.
Es kann hilfreich sein, diese Bedingung einmal probeweise beiseitezulegen.
Was wäre, wenn ein Gedanke auftauchen dürfte, ohne dass daraus automatisch eine Beschäftigung werden muss? Wenn eine Erinnerung da sein könnte, ohne dass wir sie noch einmal vollständig durchgehen? Wenn wir etwas Unerledigtes bemerken und trotzdem für einen Moment ruhen dürften?
Das bedeutet nicht, dass wichtige Aufgaben unwichtig werden. Es bedeutet lediglich, dass nicht jede Aufgabe in jedem Augenblick unsere Aufmerksamkeit beanspruchen muss.
Wir können etwas im Blick behalten, ohne uns ununterbrochen damit beschäftigen zu müssen.
Deep Rest: Ruhen, obwohl das Leben noch unfertig ist
Beim Deep Rest steht deshalb nicht die Aufgabe im Vordergrund, sämtliche Gedanken zum Schweigen zu bringen. Es geht darum, einen anderen Zugang zum eigenen Erleben kennenzulernen: einen Zugang, bei dem Ruhe nicht erst verdient werden muss.
Vielleicht darf die organisierende Seite für einen Moment zur Kenntnis nehmen, dass ihre Arbeit geschätzt wird. Sie muss nicht verschwinden und auch nicht besiegt werden. Es könnte genügen, wenn sie allmählich erfährt, dass nicht jede Minute eine neue Planung benötigt.
Während Gedanken kommen und gehen, darf sich die Aufmerksamkeit auch anderen Erfahrungen zuwenden. Dem Getragensein durch eine Unterlage. Der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Dem einfachen Umstand, gerade hier zu sein, ohne etwas erledigen zu müssen.
Vielleicht ist das eine ungewohnte Erfahrung. Vielleicht gelingt es nur für wenige Augenblicke. Auch das muss nicht verbessert werden.
Denn das Leben wird vermutlich noch eine Weile unfertig bleiben. Und möglicherweise darf es trotzdem schon heute Abend eine Pause geben.
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